Theaterwissenschaft München
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Szenographie: Episteme und ästhetische Produktivität in den Künsten der Gegenwart

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Forschungsprojekt im Rahmen des Heisenbergprogramms der DFG [English]



Infos zur Internationalen Konferenz "The Art of Scenography"
(November 2016, München - gefördert durch die DFG)


Szenographie tritt – als Raum-Inszenierung und Raum-Produktion – im zeitgenössischen Theater sowie darüberhinaus in anderen Künsten und auch Alltagskontexten vielgestaltig auf: Das Spektrum reicht heute von Bühnenbild bzw. Theaterszenographie, Performance Design und ›Environmental Scenography‹ über Museums- und Ausstellungsszenographie sowie Film- und Medienszenographie bis hin zu ›Urban Scenography‹, Spatial Design und zu Szenographien kommerziell orientierter Events. Zeitgenössische Szenographie, so die Ausgangsthese des Projekts, ist insofern in den Blick zu nehmen als ein Interart-Phänomen, das seine generativen Formen, Parameter und Gestaltungen auf verschiedenen Feldern entfaltet; nicht zuletzt im Zuge der sich abzeichnenden Mediatisierung fast aller Lebensbereiche sind ihre Spielarten inzwischen weit reichend und haben eine kulturelle Relevanz gewonnen, die der wissenschaftlichen Diskussion und Analyse bedarf.

Prämissen, Stand der Forschung, Zielsetzung des Projekts

Das Projekt nimmt ›Bühnenbild‹ und ›Szenographie‹ als Kunstpraxis in den Blick und fragt nach ihrem Stellenwert, ihren Erscheinungsformen und nach Ansätzen, die Bühnenbild und Szenographie als tendenziell autonome Kunstform verstehen: dies sowohl innerhalb der kollaborativen Kunstform Theater (vgl. das bsp.weise von Bert Neumann mehrfach geäußerte Postulat, auch am Theater nicht wie ein der Regie subordinierter ›Ausstatter‹, sondern vielmehr wie ein ›bildender Künstler‹ zu arbeiten). Mit diesen Neubetrachtungen des Szenographischen soll nach zu beobachtenden Ästhetiken gefragt werden sowie darüberhinaus insbesondere auch nach dem, was, mit Patrice Pavis, als ›szenographisches Wissen‹ bezeichnet werden kann: gemäß Pavis ist Szenographie eine Kunst und kann zugleich als eine »Wissenschaft von der Organisation der Bühne und des Bühnenraums« definiert werden (Pavis 2007: 969); in diesem Sinne operiert sie, so Pavis, gar als ein »Dispositiv« (ders. 1996: 315), welches Wissensinhalte (v.a. ein sich veränderndes Wissen über den Raum), institutionelle Regeln, raumbildende Praktiken, (Kultur-)Techniken sowie Medien in sich verbindet und dieses Wissen immer wieder auch revidiert. Szenographie muss demnach als ästhetischer Diskurs und, im Sinne Foucaults (1970), zudem auch als Teil einer ›Geschichte der Denksysteme‹ analysiert werden.
Als Forschungsgegenstand fällt Szenographie, gemäß ihrer Historie und Tradition, vor allem in den Grenzbereich zwischen Theater- und Kunstwissenschaft, wurde allerdings dort lange wenig beachtet. So fokussiert die theaterwissenschaftliche Analyse, aufführungsbezogen, v.a. die handelnden Darsteller, Sänger, Tänzer, Performer bzw. die ›Feedbackschleife‹ zwischen ihnen und dem Publikum (Fischer-Lichte 2004). Auch seitens der benachbarten Kunstwissenschaften ist die Erforschung der Ästhetik sowie der Episteme des Szenographischen, über vorliegende Ansätze hinaus (vgl. Bohn/Wilharm 2009 u.a.), noch zu leisten, denn als ›angewandte‹, ereignisbezogene Kunst, als welche Szenographie auftritt, steht sie ebenfalls dort nicht im Fokus. Das Vorhaben geht demgegenüber von einem Perspektivwechsel aus: Aufgegriffen werden soll die – von Künstlern wie Bert Neumann oder Katrin Brack oder, wieder anders, Heiner Goebbels zunächst v.a. im Theaterkontext gestellte (und genau besehen schon seit der Moderne virulente) – Forderung, den szenographierten Raum, die Elemente der Bühne, ihre Medien und zum Auftritt kommenden Objekte nicht als Ausstattung oder gar nur Hintergrund und Dekor zu verstehen, sondern sie ebenfalls als ›Mitspieler‹, ›Co-‹ bzw. ›Counter-Player‹ zu begreifen (vgl. Goebbels 2012, Brückner 2010). Mit anderen Worten: Szenographie realisiert sich dieser Auffassung nach nicht in (abbildenden, statisch gedachten) ›Bühnenbildern‹, sondern vielmehr gemäß einem konzeptionellen Denken, das Medien, szenographische Objekte und Handlungsoptionen konfiguriert, um sie in ästhetischen Prozessen und performativen, meist plurimedialen Ereignissen zu ›orchestrieren‹ (vgl. McKinney/Butterworth, 2009, 7). Diese Perspektive hat zur Folge, dass auf der Ebene von Aufführung bzw. Ereignis die Präsenz von Medien, Dingen und (menschlichen) Performern – bzw. mit Bruno Latour gesprochen, von humanen und nicht-humanen Akteuren (vgl. ders. 1995, 2007, 2010) – im Sinne einer symmetrischen Relation zu betrachten wäre, und entsprechend wären – auf der Ebene von Entwurf, Projektentwicklung und Probe – auch szenographischer Entwurf und Choreographie-/Bewegungskonzeption als ineinander verwobene, interdependente Konzepte in den Blick zu nehmen. In der Forschung bestehen hier – gerade in der Theaterwissenschaft, aus oben genannten Gründen – erhebliche Lücken, die Fragen der Wahrnehmung und Rezeptionsästhetik sowie auch Fragen der Produktionsästhetik betreffen, wobei letztere – mit einer so gewendeten, prozessorientierten Auffassung von Szenographie – jedoch besondere Beachtung verdienen. Diese Forschungsdesiderate greift das Projekt auf, insbesondere auch mit der Durchführung einer Konferenz (»The Art of Scenography: Epistemes and Aesthetics«), die, unter den skizzierten Prämissen, erstmals bisher noch kaum berücksichtigte produktionsästhetische Aspekte des Szenographischen in den Mittelpunkt stellt.

Konzept / Projektleitung

PD Dr. Birgit Wiens, Heisenberg-Fellow der DFG
LMU München / Theaterwissenschaft

Wiss. Hilfskraft

Miriam Althammer, M.A.

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