Theaterwissenschaft München
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Theatermusik (DFG-Projekt)

DFG-Projekt "Theatermusik heute als kulturelle Praxis" für Prof. Dr. David Roesner bewilligt (Oktober 2017).

Leitung
Prof. Dr. David Roesner

Kontakt
DFG-Projekt "Theatermusik"
Prof. Dr. David Roesner
Ludwig Maximilians-Universitaet Muenchen
Dept Kunstwissenschaften
Theaterwissenschaft
Georgenstrasse 11
D-80799 Muenchen

Tel. ++49-(0)89-2180 5685

Laufzeit
3 Jahre, ab April/Mai 2018

Theatermusik gilt heute als Oberbegriff für alle Formen von Musik, die im Rahmen von Sprechtheater-Aufführungen erklingen. Dabei werden jedoch, gerade in aktuellen Formen von Schauspielmusik, zwei Grenzziehungen immer wieder in Frage gestellt: zum einen ist die traditionelle Trennung zwischen Musik und Geräuscheffekt im Theater häufig nicht klar zu ziehen, zum anderen sind die Unterscheidungen von Gattungen bzw. Sparten wie Sprech-, Tanz- und Musiktheater nicht immer klar aufrechtzuerhalten.

Was die relativ wenigen Untersuchungen zu Thema Theatermusik verbindet, ist die wiederkehrende Klage, dass diese sowohl von der Musikwissenschaft als auch der Theaterwissenschaft marginalisiert werde: von der Musikwissenschaft wurde sie häufig aufgrund ihres Status als “Gebrauchsmusik” und aufgrund der schwierigen Quellenlage kaum beachtet; von Seiten der Theaterwissenschaft fehlt häufig die musikalische Fachkenntnis, um Theatermusik adäquat untersuchen zu können. Auch die Theaterkritik geht äußerst selten auf den Anteil der Musik an einer Inszenierung ausführlicher ein: dies wird unter anderem daran deutlich, dass es in Deutschland in der alljährlichen, vielbeachteten Kritiker-Umfrage von Theater heute eine Kategorie „beste Schauspielmusik” nicht gibt. Das gleiche gilt für die Deutsche Bühne. Und selbst der Deutsche Bühnenverein, der auf seiner Webseite über 50 Berufsbilder am Theater vorstellt, erwähnt mit keinem Wort, dass es „Theatermusiker" gibt.

All dies steht in einem deutlichen Widerspruch zu Vielfalt und Omnipräsenz von Schauspielmusik sowohl im zeitgenössischen deutschsprachigen Sprechtheater – eine der reichsten Theaterlandschaften der Welt mit einer beachtlichen Bandbreite innovativer theatermusikalischer Praxis – als auch in der globalen Theatergeschichte. Vom Theater der Antike über das mittelalterliche Theater in Europa bis zu afrikanischen, südostasiatischen oder polynesischen Theaterformen war und ist Musik fast immer fester Bestandteil, zum Teil sogar treibende Kraft von Theateraufführungen und paratheatralen Ritualen. Es besteht also dringend Bedarf sich dieser Leerstelle anzunehmen.

In von Prof. Roesner geleiteten Projekt Theatermusik heute als kulturelle Praxis soll ein Phänomen untersucht werden, das seit etwa zehn Jahren verstärkt zu beobachten ist: Schauspielmusik als Kulturtechnik im deutschsprachigen Theater ist zu einem zentralen Motor szenischer Dramaturgie avanciert. Zum einen spielen Klänge, Töne und Musik durch Verfahren der Digitalisierung in Probenprozessen und Aufführungen eine flexiblere und gleichberechtigtere Rolle und haben sich von ihrer dienenden Funktion stark emanzipiert. Zum anderen sind das Musizieren auf der Bühne und der Bühnenmusiker als liminale Figur zwischen Darsteller und Rolle in vielen Formen stilbildend für die jeweilige Spielform und Darstellungsästhetik geworden. Als Beispiele können die Arbeiten von Regie/Musik-Teams wie Karin Beier/Jörg Gollasch, Sebastian Nübling/Lars Wittershagen, Nicolas Stemann/Thomas Kürstner/Sebastian Vogler, Felix Rothenhäusler/Matthias Krieg, Barbara Bürk/Clemens Sieknecht, Michael Thalheimer/Bert Wrede oder Frank Castorf/Sir Henry gelten. Schon diese Liste zeigt außerdem deutlich, dass die resultierenden Theaterästhetiken äußerst vielfältig sind und wir es keineswegs mit einem bestimmten Genre oder Stil zu tun haben.

Zentrales Ziel des Projekts ist es, die komplexen Wechselwirkungen zwischen diesen Formen szenischer Musik – zwischen digitalem sound design und leibhaftiger Bühnenpräsenz – und der Entwicklung neuer Dramaturgien und Spielformen zu analysieren. Digitalisierung und Theatralisierung werden dabei nicht als Gegensatzpaar konstruiert, sondern stellen zwei besonders augen- und ohrenfällige Tendenzen in der Praxis der Theatermusik dar, die sich in immer wieder neuen Konstellationen auf die Spielarten des Theaters insgesamt auswirken. Das Projekt soll daher einen Beitrag zur Schließung einer signifikanten Forschungslücke an der Schnittstelle von Theater- und Musikwissenschaft leisten: es stellt eine erste eingehende Analyse zeitgenössischer schauspielmusikalischer Praxis im digitalen Zeitalter dar.